Eine Oase in der Geldautomaten-Wüste bauen

Eine Oase in der Geldautomaten-Wüste bauen

Vor 50 Jahren wurde der erste Geldautomat in Deutschland in Betrieb genommen. Heute gibt es hierzulande knapp 60.000 Automaten, deren Zahl allerdings rückläufig ist. Ende 2017 waren nach Angaben der…

Vor 50 Jahren wurde der erste Geldautomat in Deutschland in Betrieb genommen. Heute gibt es hierzulande knapp 60.000 Automaten, deren Zahl allerdings rückläufig ist. Ende 2017 waren nach Angaben der Deutschen Kreditwirtschaft knapp 58.400 GAAs in Betrieb. Der Höhepunkt wurde 2015 mit 61.100 Maschinen erreicht. Nun scheint der Siegeszug ein Ende zu haben. Die Ursachen für die sinkende Zahl: Digitalisierung, Kostendruck und Kriminelle, denn Anschläge auf Geldautomaten sind für Banken richtig teuer.

Die Zukunft sieht für den Geldautomaten nicht rosig aus, denn Branchenexperten rechnen mit einem weiteren Rückgang der Zahlen. Vor allem in ländlichen Gebieten finden sich nur noch wenige oder sogar gar kein Geldautomat mehr wie das Beispiel Nieder-Liebersbach im Odenwald zeigt. Wenn es im Dorf keinen Geldautomaten mehr gibt, hat das negative Auswirkungen auf die ortsansässigen Geschäfte und auf ältere und in der Mobilität eingeschränkte Menschen, für die ein reibungsloser Zugang zu Finanzdienstleistungen essentiell ist.

Aber auch in anderen Ländern sieht die Geldautomaten Situation nicht besser aus. Im Vereinigten Königreich befürchtet man, dass die Hälfte aller Geldautomaten geschlossen wird. Laut der Verbrauchergruppe „Which?“ gibt es bereits mehr als 200 Gemeinden mit einer unzureichenden Geldautomaten-Versorgung. 123 Postleitzahlen scheinen derzeit über keinen Geldautomaten zu verfügen.

Englische Medien sprechen vereinzelt bereits von der „ATM-Desert“ („Geldautomaten-Wüste“). Dies sind großflächige Gebiete ohne jeden Zugang zu Bargeld. Da auch die Filialen der Banken diese Regionen zunehmend verlassen, ist der Zugang zu Finanzdienstleistungen gefährdet. Es besteht die Sorge, dass es in kleineren Städten und Dörfern bald keine Möglichkeit mehr gibt, Geld abzuheben.

Starke Nachfrage ohne Angebot
Wir wissen, dass Verbraucher nach wie vor Geldautomaten brauchen und wollen. Untersuchungen im letzten Jahr haben gezeigt, dass auch die jüngere Zielgruppe immer noch regelmäßig Geldautomaten benutzt. Einer Umfrage des Bankenverbandes zufolge möchte die Hälfte der unter 30-jährigen nicht völlig auf Bankfilialen verzichten und 63 Prozent besuchen ihre Filiale mindestens einmal pro Monat.

Für die Deutschen gilt nach wie vor: Cash ist King. Das belegt der PYMNTS Global Cash Index. In keinem anderen westeuropäischen Land ist der Bargeldanteil so hoch wie in der Bundesrepublik: 20,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes im Jahr 2016, das entspricht knapp 650 Milliarden Euro.

Fest steht: Trotz Nachfrage in einigen Regionen gibt es keinen entsprechenden Zugang zu Bankleistungen. Wir sehen hierin einen Katalysator für die Entwicklung zweier wichtiger Trends. Verbraucher müssen sich einerseits auf Bargeldauszahlungen bei Supermärkten und Einzelhändlern verlassen, was allerdings voraussetzt, dass die Geschäfte groß genug und zu Fuß erreichbar sind. Andererseits müssen Verbraucher einen Kauf tätigen, wenn sie kostenfrei Geld an der Kasse abheben möchten.

Die Betriebskostenfrage
Geldautomaten und Filialen sind für Banken mit erheblichen Betriebskosten verbunden, und da immer weniger Menschen diese nutzen, werden die Kosten pro Benutzer weiter steigen. In vielen Ländern werden die Betriebskosten von Dritten und nicht von den Banken selbst getragen. In

Großbritannien beispielsweise befindet sich die Hälfte der Geldautomaten nicht im Besitz von Banken. Finanzinstitute sehen externe Geldautomaten zunehmend als kommerzielle Dienstleistung ohne echten Wettbewerbsvorteil an, während Bankfilialen für den Aufbau von Kundenbeziehungen genutzt werden können.

Zunehmend suchen Banken nach Partnern, um zusammenzuarbeiten und dadurch die Betriebskosten zu senken. Banken, die Partnerschaften eingehen, werden Zugang zu einem größeren Netz, niedrigeren Kosten und mehr Möglichkeiten haben, ihr Angebot mit mehr Dienstleistungen über Geldautomaten zu vermarkten. Die Erhöhung der Anzahl der über Geldautomaten verfügbaren Dienste ist für die Aufrechterhaltung eines freien Netzes von größter Bedeutung. Dies würde auch zu einer Zunahme an Einkaufs- und Unterhaltungsmöglichkeiten mit Geldautomaten führen, die sich im Privatbesitz des Unternehmens befinden. Dadurch wiederum würde der Zugang in ländlichen Gegenden verbessert werden. Ein Beispiel sind kleinere Kinos, die Geldautomaten als „Kundenmagnet“ nutzen und denen somit eine zusätzliche Einnahmequelle generieren.

Eine weitere Alternative sind White-Label Financial Hubs. Verschiedene Banken können in diesen Filialen ihre eigenen, individuellen Services anbieten und gleichzeitig Filial- und Standortkosten sparen. Diese Ersparnis kann wiederum in persönliche Kundenbetreuung investiert werden.

Stellen Sie sich eine Filiale vor, die, wenn der Kunde sie betritt, keine spezifische Identität aufweist. Sobald er aber seine Karte an einem Geldautomaten benutzt, wird er so bedient, als wäre er in seiner üblichen Bankfiliale.

Damit nicht noch mehr Teile der Bevölkerung von den Folgen des Verschwindens von Geldautomaten betroffen sind, ist es notwendig, das Format der Bankfiliale und die Art und Weise, wie Menschen auf ihr Bargeld und ihre Bankdienstleistungen zugreifen, zu überdenken.

 

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